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Posts Tagged ‘Endzeitvision’

Sachzwänge. Das ist ein schönes Wort. Ich habe gestern ein paar kluge – oder naive? – Sätze dazu gelesen. Dazu muss ich sagen, ich hab das abendliche Startrek-Glotzen wieder aufgegeben, zugunsten eines guten Buches.

Startrek fand ich immer genial und tu es noch heute, aber im Moment tut es mir offenbar nicht gut. Zu viele Biere und Zigaretten verschwinden da flugs im Schlund, wenn man vor dem Bildschirm hockt und nur guckt, und man merkt es garnicht so recht. Ausser an den Kopfschmerzen am nächsten Tag. Und mit einem Raumschiff kann ich meiner gegenwärtigen Situation eben nicht entfleuchen. Beamen geht auch nicht.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. (Von wem war das eigentlich? Besserung klingt schon immer sehr nach erhobenem Zeigefinger in Richtung Verdammnis, Fegefeuer und Hölle, also Kirche? Und ich sage bewusst „Kirche“, nicht Bibel.)

Nun gut, zurück zum Buch. Es heisst Erntemond und ist von Rudolf Marko. Der Schriftsteller ist nicht sehr bekannt aber das Buch war ein ungeheurer Erfolg für ein Erstlingswerk.

Rudolf Marko wurde 1937 in Pilsen geboren und wuchs in Südböhmen, Österreich und Deutschland auf. Er war viele Jahre im Schuldienst tätig, davor und danach auch als Straßenbahnschaffner, Briefträger, Fabrikarbeiter, Schreiner und Zimmermann. Seit 1979 lebt er mit seiner Familie auf einer Farm in Kanada. »Erntemond« war sein erster Roman, der in Deutschland auf Anhieb ein großer Erfolg wurde.

Auf Amazon finden sich einige interessante Rezensionen. Mir erging es ähnlich wie einem anderen Leser, ich hab das Buch schon vor ein paar Jahren gekauft und damit angefangen, es aber irgendwann mal wieder weggelegt. Ich hatte damals wohl noch nicht den direkten Bezug zum Thema. Und es war auch nicht so spektakulär wie Stephen Kings Meisterwerk „The Stand“, in dem eine ähnliche post-apokalyptische Vision aufgegriffen wird.

Kurzbeschreibung
…Aus dem Königreich Bayern, mit 30.000 Einwohnern einer der volkreichsten Staaten der „neuen“ Erde, reist ein junger Mann übers Meer, um die Heimat seiner verstorbenen Frau, einer Indianerin, zu besuchen. Es gibt keine Flugzeuge mehr, keine Elektrizität, keine Autos, Atomkraftwerke, Fernseher, keine Kinos, Radios, Mikrowellenherde. Die Philosophie des „Schneller, weiter, besser“, des kontrollierten Fortschrittwahns ist kollabiert. Die Menschen, die eine (hausgemachte) tödliche Seuche überlebt haben, stehen vor der Alternative, entweder die Zivilisation nach gehabtem Muster wieder zu starten – mit Ausbeutung der Natur und der Menschen – oder einen anderen Weg zu suchen…
Die gerechtfertigte harsche Zivilisationskritik des Autors kommt keineswegs didaktisch-dröge daher – im Gegenteil: Wir Leser sind gefangen und fasziniert von dieser Lektüre (…) Marko schenkt uns die Vision, daß ein ganzheitliches, friedliches, nicht fremdbestimmtes Leben im Einklang mit uns selbst und unseren wirklichen Bedürfnissen möglich sein könnte.«
Süddeutsche Zeitung

Das Buch enthält sehr viele bilderreiche, ja poetische Naturbeschreibungen, die aber nicht langweilig sind, sondern dazu führen, dass man sich in diese Welt so gut hineinversetzen kann. Man glaubt, die Bäume zu sehen, die Erde zu riechen, die Vögel singen zu hören. Vor allem fühlt man sich stark angezogen von diesem Leben in und mit der Natur.

Und immer wieder zieht man Vergleiche mit dem Leben, das die meisten von uns hier führen, also dem genau gegensätzlichen. Die Natur ist das andere, das „feindliche“, wir machen sie uns untertan, wir leben gegen sie und damit gegen unsere eigene. Ich bin nun wirklich kein „Klima- und sonstige Katastrophenguru“, aber mir gefällt die Vorstellung, dass die ganzen westlichen Industrienationen mal kräftig auf die Schnautze fallen könnten. Nur, dass sie in unserer globalisierten Welt den Rest derselben mit sich in den Abgrund reissen würden, das gefällt mir garnicht.

Damit wären wir bei den Sachzwängen. Ich muss dazu einige Zeilen aus dem Buch zitieren. Der Titelheld des Buches, Chas Meary unterhält sich mit einem kühnen Geistlichen, der eher ein Freigeist ist. Es geht wieder einmal um ein paar existenzielle Fragen, Grundfragen der Philosophie: Dürfen wir wollen? Wie frei ist der freie Wille? Und wo sind die Grenzen der Freiheit?

… „Ich drücke mich behutsam aus und spreche nicht vom freien Willen, denn wie frei der wirklich ist – wer weiß das? Doch  wenn Gott will, dass wir wollen dürfen, bedeutet das: Wir dürfen den Anfang und das Ende des Lebens mitbestimmen.“ 
„Wer sagt uns, wie weit wir dabei gehen dürfen, Bruder Spiridion?“
„Unser Gewissen.“
„Nicht jeder hört auf sein Gewissen!“
„Die meisten hören auf ihr Gewissen! Die meisten! Ausgenommen einige Unglückselige – doch auch sie besitzen eines. (Anm. d. Red.: da bin ich mir nicht so sicher.) Weißt du, was mir auffällt, wenn ich in den Schriften des vergangenen Jahrhunderts lese? (Anm. d. Red.: unser gegenwärtiges ist gemeint.) Dass vom Gewissen so selten die Rede ist. An seiner Stelle scheint es etwas gegeben zu haben, was man den Sachzwang nannte. Nun, der ist wohl auch der Seuche zum Opfer gefallen. Und das Gewissen ist zurückgekehrt.“
„Was war das, ein Sachzwang? Mir ist das Wort noch nicht untergekommen.“
Er zeigte seine großen, gelblichen Zähne, und seine Oberlippe bebte vor verhaltener Heiterkeit. „Ein Sachzwang, Chas Meary, war eine scheinbar unwiderlegbare Ausrede, die es einem erlaubte auf dem einmal eingeschlagenen Weg fortzuschreiten, bis er vor einem Abgrund endete. Dieser Abgrund wurde dann ebenfalls als Sachzwang bezeichnet.“
„Weil er einem keine Wahl ließ, als hineinzuspringen?“…

Das ist die große Frage. Gibt es eine „Sache“ die mich zwingen kann, so oder so zu handeln? Und wenn ich unweigerlich bis an den Abgrund gerate, kann ich nicht umkehren oder einen anderen Weg wählen? Welche „Sachzwänge“ lassen unsere Spitzenmanager aus lauter Gier zu Betrügern und Dieben werden? Und welche veranlassen die Richter, ein Auge zuzudrücken? Sind es wirklich Sachzwänge, dass Kriege um Rohstoffe geführt werden müssen und solange der Waffenhandel die Wirtschaft ankurbelt, wird sowieso weiter gemacht? Führt dieses ganze pathologische Verhalten der „zivilisierten Menschheit“ (s. Konrad Lorenz) die Menschheit wirklich in den Ruin? Und wenn man sich dessen sicher wäre, hat man die Wahl?

Das Buch verspricht auf jeden Fall noch weitere interessante Aspekte zum Thema: Wie können wir leben?
Megumaage ist ein Ort der Phantasie. Aber vielleicht gibt es einen realen Ort. Man muss ihn nur finden. Es gibt alternative Lebensweisen. Mit „alternativ“ meine ich jetzt nicht unbedingt den biologisch-dynamischen Bauernhof, sondern einfach den Wortsinn: eine andere Möglichkeit bildend. Und den Mut muss man haben, die Entscheidung zu treffen.

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