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Archive for the ‘Lesen’ Category

Ich habe mal den genialen Spruch von mir gelassen: „Gute Bücher sind wie guter Sex, wenn man durch ist, möchte man am liebsten gleich wieder von vorn anfangen…“

Ja, nun, was mache ich hier in meinem Fernseh freien Hexenhäuschen im Winter größten Teils? Lesen. Ich habe in den letzten 8 Wochen über 8000 Seiten gelesen. 

Meine Präferenzen liegen wie seit langem bei: Science fiction, History, Fantasy, Thriller… Alle gelesenen Bücher sind ausgezeichnet und unbedingt empfehlenswert, bis auf eines, und gerade dieses hatte ich sehnsüchtig erwartet. Diana Gabaldons 7. Roman war ein Griff in die Kloschüssel, anders kann ich es nicht ausdrücken! Ich habe im Facebook „Living Social – Books“ folgendes Review geschrieben:

Ich bin erschüttert! So lange auf dieses Buch gewartet und nun das… Die ersten 400 Seiten hätte man komplett streichen können, es werden alle möglichen Situationen wiederholt, Claire im Einsatz als „Ärztin“, Abenteuer auf See, usw. Dazu viel zu langatmige Schilderungen über den Bürgerkrieg und seine historischen Figuren, viel zu ausführliche Geschichten über Lord John und Willie, dessen Charakter merkwürdig unfertig wirkt, mal ein regelrecht dummer und nerviger Kindskopf, dann wieder der tapfere Held…
Ab der Mitte ungefähr wird es endlich wieder so spannend und mitreissend wie gewohnt. Aber dann das Ende! Praktisch mitten in der Story ist Schluss. Cliffhanger sind ja ein beliebtes Stil-Mittel, aber das ist nun doch etwas zu heftig.
In der Gegenwart taucht plötzlich Buckleigh McKenzie auf, Jemmie wird von einem undurchsichtigen Arbeitskollegen Briannas entführt und eingesperrt, Claire ist mit Lord John verheiratet, und Jamie bringt seine Schwester Jenny mit nach Amerika – und das alles lässt man so einfach stehen und die Leser sollen nun wohl wieder drei Jahre auf den nächsten Band warten… Der uns dann womöglich 800 Seiten lang Wiederholungen bietet und 100 Seiten Story. Ich muss schon sagen, als bisher wirklicher begeisterter Fan von Gabaldon – die anderen Bücher habe ich alle jweils mindestens drei mal gelesen – bin ich nach diesem Werk ziemlich angesäuert!

Dafür war aber der neue Schätzing eine Offenbarung! LIMIT. Hier hätte ich ja nie zu hoffen gewagt, dass er nochmal so einen grandiosen Wurf hinkriegt, wie mit dem „Schwarm“ – hat er aber! Review folgt, da muss ich noch etwas dran feilen. Ich war jedenfalls so hingerissen, dass ich es, wie im obigen Spruch besagt, hinten aufgehört und sofort wieder von vorne angefangen habe, da die Story doch etwas kompliziert ist und mir nur ja nicht zwischendrin das kleinste Detail an Zusammenhängen entgangen wäre!

Elizabeth Georges Buch ‚Am Ende war die Tat‘  ist eine bemerkenswerte Milieu-Studie. Sie lässt ihre Protagonisten fürchterlich authentischen Slang sprechen, was nicht immer einfach zu lesen ist und bei mir ab und zu zu dem dringenden Bedürfnis geführt hat, die Kids am Wickel zu packen und ihnen eine zu klatschen. Ja, das macht eindeutig aggressiv, und genau das ist das Problem.

Stieg Larssons Vermächtnis ist auch nicht ohne. Schade, dass der Mann nicht weiter schreiben kann!

Ich weiss, das ist ein etwas unausgegorener Artikel, man könnte, sollte, müsste noch viel mehr dazu sagen. Mach ich vielleicht auch noch.

Hatte mir wieder eins meiner älteren Exemplare aus dem Regal gegriffen: „Ground Zero“. Das hat nichts mit dem 09.11. zu tun, sondern ist ein Horrortrip in Sachen Biologische Kriegsführung, Ebola und Co und spielt zum Teil im Dschungel Sumatras (wo sonst). Katze hat auch mal kurz reingeguckt und meint: Kein Wunder, dass du Albträume hast! Ok. beendet. Ist nicht wirklich gut geschrieben.

Inzwischen bin ich bei Preston & Child hängen geblieben, die machen echt gute Sachen.

Und was mache ich? Ich bin immer noch geschockt, erschüttert, noch immer kommen mails und Anrufe von Freunden und das Ganze wieder und nochmal zu beschreiben oder zu erzählen ist schwer. Es tut gleichmäßig weh, wie der Herr Grönemeyer das mal ausgedrückt hat.

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… waren mir im letzten Winter auch ständige Begleiter. Ich verstehe das schon. Warum mir aber seit einigen Tagen ein regelmäßiger Besucher (die Statistik zeigt es mir, aber natürlich nicht, wer) von Google aus mit immer ähnlichen Suchbegriffen, nämlich Textstellen aus der Übersetzung von Yeats „The second Coming“ ins Blog schneit ist mir doch ein Rätsel!

Ich habe nun den Link zur Fundstelle weggenommen, denn der führt leider zu nichts, seit damals hat sich insofern etwas geändert, dass man auf der Gedichteplattform nun eingeloggt sein muss. Aber vielleicht kann ich hiermit weiterhelfen:
http://www.nachtwelten.de/vB/history/topic/23181-4.html
Etwas nach unten scrollen, dann kommt die Übersetzung, die mir gefallen hat, es gibt noch eine andere, die aber etwas seichter klingt:
http://myweb.dal.ca/waue/Trans/Yeats-Coming.html

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Obwohl, das ist ja Schnee von gestern. Das neue Programm heisst „Glücksbringer“, das klingt harmloser, ist aber bestimmt auch klasse! Großes Fragezeichen? Die Rede ist von Dr. Eckart von Hirschhausen. Ein Arzt und Kabarettist, den ich ebenso sehr schätze wie Dieter Nuhr. Sein letztes Buch, mit oben besagtem Titel „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ habe ich mit dem größten Vergnügen gelesen, stellenweise zum Schreien komisch und doch irgendwie wissenschaftlich fundiert. Ok. zum Teil. Genauso wie Nuhr ist Hirschhausen ein Mann des etwas subtileren Scherzes, nicht so dieser krachende „Deppenhumor“, man muss schon auch etwas nachdenken beim Zuhören.

Vorhin kam im Radio ein Interview mit ihm, und das hat mich auf die gute Idee gebracht, ich sollte doch mal versuchen, jeden Tag einen Artikel zu schreiben, der zum Lachen anregt. Mich und andere. Eigentlich wollte ich mir das Buch für den Abend noch mal vornehmen, aber dann kam mir die noch bessere Idee, mal zu gucken, ob das neue Programm schon im YouTube ist. Es ist! Der Abend ist gerettet. Einfach durchzappen, da sind ganz viele! Viel Spaß allerseits!

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Sachzwänge. Das ist ein schönes Wort. Ich habe gestern ein paar kluge – oder naive? – Sätze dazu gelesen. Dazu muss ich sagen, ich hab das abendliche Startrek-Glotzen wieder aufgegeben, zugunsten eines guten Buches.

Startrek fand ich immer genial und tu es noch heute, aber im Moment tut es mir offenbar nicht gut. Zu viele Biere und Zigaretten verschwinden da flugs im Schlund, wenn man vor dem Bildschirm hockt und nur guckt, und man merkt es garnicht so recht. Ausser an den Kopfschmerzen am nächsten Tag. Und mit einem Raumschiff kann ich meiner gegenwärtigen Situation eben nicht entfleuchen. Beamen geht auch nicht.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. (Von wem war das eigentlich? Besserung klingt schon immer sehr nach erhobenem Zeigefinger in Richtung Verdammnis, Fegefeuer und Hölle, also Kirche? Und ich sage bewusst „Kirche“, nicht Bibel.)

Nun gut, zurück zum Buch. Es heisst Erntemond und ist von Rudolf Marko. Der Schriftsteller ist nicht sehr bekannt aber das Buch war ein ungeheurer Erfolg für ein Erstlingswerk.

Rudolf Marko wurde 1937 in Pilsen geboren und wuchs in Südböhmen, Österreich und Deutschland auf. Er war viele Jahre im Schuldienst tätig, davor und danach auch als Straßenbahnschaffner, Briefträger, Fabrikarbeiter, Schreiner und Zimmermann. Seit 1979 lebt er mit seiner Familie auf einer Farm in Kanada. »Erntemond« war sein erster Roman, der in Deutschland auf Anhieb ein großer Erfolg wurde.

Auf Amazon finden sich einige interessante Rezensionen. Mir erging es ähnlich wie einem anderen Leser, ich hab das Buch schon vor ein paar Jahren gekauft und damit angefangen, es aber irgendwann mal wieder weggelegt. Ich hatte damals wohl noch nicht den direkten Bezug zum Thema. Und es war auch nicht so spektakulär wie Stephen Kings Meisterwerk „The Stand“, in dem eine ähnliche post-apokalyptische Vision aufgegriffen wird.

Kurzbeschreibung
…Aus dem Königreich Bayern, mit 30.000 Einwohnern einer der volkreichsten Staaten der „neuen“ Erde, reist ein junger Mann übers Meer, um die Heimat seiner verstorbenen Frau, einer Indianerin, zu besuchen. Es gibt keine Flugzeuge mehr, keine Elektrizität, keine Autos, Atomkraftwerke, Fernseher, keine Kinos, Radios, Mikrowellenherde. Die Philosophie des „Schneller, weiter, besser“, des kontrollierten Fortschrittwahns ist kollabiert. Die Menschen, die eine (hausgemachte) tödliche Seuche überlebt haben, stehen vor der Alternative, entweder die Zivilisation nach gehabtem Muster wieder zu starten – mit Ausbeutung der Natur und der Menschen – oder einen anderen Weg zu suchen…
Die gerechtfertigte harsche Zivilisationskritik des Autors kommt keineswegs didaktisch-dröge daher – im Gegenteil: Wir Leser sind gefangen und fasziniert von dieser Lektüre (…) Marko schenkt uns die Vision, daß ein ganzheitliches, friedliches, nicht fremdbestimmtes Leben im Einklang mit uns selbst und unseren wirklichen Bedürfnissen möglich sein könnte.«
Süddeutsche Zeitung

Das Buch enthält sehr viele bilderreiche, ja poetische Naturbeschreibungen, die aber nicht langweilig sind, sondern dazu führen, dass man sich in diese Welt so gut hineinversetzen kann. Man glaubt, die Bäume zu sehen, die Erde zu riechen, die Vögel singen zu hören. Vor allem fühlt man sich stark angezogen von diesem Leben in und mit der Natur.

Und immer wieder zieht man Vergleiche mit dem Leben, das die meisten von uns hier führen, also dem genau gegensätzlichen. Die Natur ist das andere, das „feindliche“, wir machen sie uns untertan, wir leben gegen sie und damit gegen unsere eigene. Ich bin nun wirklich kein „Klima- und sonstige Katastrophenguru“, aber mir gefällt die Vorstellung, dass die ganzen westlichen Industrienationen mal kräftig auf die Schnautze fallen könnten. Nur, dass sie in unserer globalisierten Welt den Rest derselben mit sich in den Abgrund reissen würden, das gefällt mir garnicht.

Damit wären wir bei den Sachzwängen. Ich muss dazu einige Zeilen aus dem Buch zitieren. Der Titelheld des Buches, Chas Meary unterhält sich mit einem kühnen Geistlichen, der eher ein Freigeist ist. Es geht wieder einmal um ein paar existenzielle Fragen, Grundfragen der Philosophie: Dürfen wir wollen? Wie frei ist der freie Wille? Und wo sind die Grenzen der Freiheit?

… „Ich drücke mich behutsam aus und spreche nicht vom freien Willen, denn wie frei der wirklich ist – wer weiß das? Doch  wenn Gott will, dass wir wollen dürfen, bedeutet das: Wir dürfen den Anfang und das Ende des Lebens mitbestimmen.“ 
„Wer sagt uns, wie weit wir dabei gehen dürfen, Bruder Spiridion?“
„Unser Gewissen.“
„Nicht jeder hört auf sein Gewissen!“
„Die meisten hören auf ihr Gewissen! Die meisten! Ausgenommen einige Unglückselige – doch auch sie besitzen eines. (Anm. d. Red.: da bin ich mir nicht so sicher.) Weißt du, was mir auffällt, wenn ich in den Schriften des vergangenen Jahrhunderts lese? (Anm. d. Red.: unser gegenwärtiges ist gemeint.) Dass vom Gewissen so selten die Rede ist. An seiner Stelle scheint es etwas gegeben zu haben, was man den Sachzwang nannte. Nun, der ist wohl auch der Seuche zum Opfer gefallen. Und das Gewissen ist zurückgekehrt.“
„Was war das, ein Sachzwang? Mir ist das Wort noch nicht untergekommen.“
Er zeigte seine großen, gelblichen Zähne, und seine Oberlippe bebte vor verhaltener Heiterkeit. „Ein Sachzwang, Chas Meary, war eine scheinbar unwiderlegbare Ausrede, die es einem erlaubte auf dem einmal eingeschlagenen Weg fortzuschreiten, bis er vor einem Abgrund endete. Dieser Abgrund wurde dann ebenfalls als Sachzwang bezeichnet.“
„Weil er einem keine Wahl ließ, als hineinzuspringen?“…

Das ist die große Frage. Gibt es eine „Sache“ die mich zwingen kann, so oder so zu handeln? Und wenn ich unweigerlich bis an den Abgrund gerate, kann ich nicht umkehren oder einen anderen Weg wählen? Welche „Sachzwänge“ lassen unsere Spitzenmanager aus lauter Gier zu Betrügern und Dieben werden? Und welche veranlassen die Richter, ein Auge zuzudrücken? Sind es wirklich Sachzwänge, dass Kriege um Rohstoffe geführt werden müssen und solange der Waffenhandel die Wirtschaft ankurbelt, wird sowieso weiter gemacht? Führt dieses ganze pathologische Verhalten der „zivilisierten Menschheit“ (s. Konrad Lorenz) die Menschheit wirklich in den Ruin? Und wenn man sich dessen sicher wäre, hat man die Wahl?

Das Buch verspricht auf jeden Fall noch weitere interessante Aspekte zum Thema: Wie können wir leben?
Megumaage ist ein Ort der Phantasie. Aber vielleicht gibt es einen realen Ort. Man muss ihn nur finden. Es gibt alternative Lebensweisen. Mit „alternativ“ meine ich jetzt nicht unbedingt den biologisch-dynamischen Bauernhof, sondern einfach den Wortsinn: eine andere Möglichkeit bildend. Und den Mut muss man haben, die Entscheidung zu treffen.

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Irgendwie hab ich es mit den morbiden Dichtern. Ich weiss auch nicht. Aus dem Gedicht von Yeats wird in Stephen Kings Renner „The Stand“ zitiert, als klar wird, dass die Welt zusammenbricht. „Zerfall ringsum, das Zentrum hält nicht stand…“. Das Buch hab ich x-mal gelesen und den Film eben so oft gesehen, aber die Story verliert nie an Faszination. Das wäre vielleicht was für den heutigen Abend, den Film mal wieder gucken. Zur Zeit leide ich ausnahmsweise grad nicht unter Alpträumen.

The second Coming 

Turning and turning in the widening gyre

The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world,
The blood-dimmed tide is loosed, and everywhere
The ceremony of innocence is drowned;
The best lack all conviction, while the worst
Are full of passionate intensity.

Surely some revelation is at hand

Surely the Second Coming is at hand.
The Second Coming! Hardly are those words out
When a vast image out of Spiritus Mundi
Troubles my sight:somewhere in sands of the desert
A shape with lion body and the head of a man,
A gaze blank and pitiless as the sun,
Is moving its slow thighs, while all about it
Reel shadows of the indignant desert birds.
The darkness drops again; but now I know
That twenty centuries of stony sleep
Were vexed to nightmare by a rocking cradle,

And what rough beast, its hour come round at last,
Slouches towards Bethlehem to be born?

William Butler Yeats

 

Diese deutsche Übersetzung gefällt mir besonders gut:

Die zweite Geburt / Die zweite Ankunft
nach W.B. Yeats The Second Coming

Im Spiralflug, wendend, kreisend, weitend

hört der Greif den Ruf des Falkners nicht,
Zerfall ringsum, das Zentrum hält nicht stand;
Die Anarchie ist losgelassen in die Welt;
blutrot schwappt frei die Flut und ringsumher
wird`s Ritual der Unschuld nun ersäuft;
Die Besten ohne Kraft, die Schlechtesten
voll leidenschaftlicher Besessenheit.

Bestimmt ist eine Art der Offenbarung nah,

die zweite Ankunft ist ganz sicher nah.
Die zweite Ankunft! kaum nur ausgesprochen,
schon drückt ein Alptraum aus dem Geist der Welt
den Blick mir: irgendwo im Wüstensand,
die Form: ein Löwe doch mit Menschenhaupt
der Blick sonnengleich blank, erbarmungslos
bewegt die trägen Schenkel und ringsum
tanzt Schatten aufgebrachter Wüstenvögel.
Erneut fällt Dunkel; doch jetzt ist mir klar,
dass zweimaltausend Jahre Schlaf von Stein
durch`s Knarzen einer Krippe Alptraum wurden,

und welches Vieh, dem seine Stunde naht
schlurft jetzt gen Bethlehem, wird dort geworfen.

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in memoriam banda aceh…

Den folgenden Text hatte ich mal in einem Schriftstellerforum (da bin ich allerdings nicht mehr, daher kein Link) veröffentlicht, und nun hab ich ihn zufällig wieder ausgegraben. Das möchte ich euch nicht vorenthalten, dieser Trip hat einen so tiefen Eindruck hinterlassen, dass ich die Szenerie auch in tausend Jahren nicht vergessen würde. Mein Ex in Penang macht sich gerade wieder auf dorthin. Nach Pulau Weh, um genau zu sein. Und meine damalige Reise dorthin hat exakt ein Jahr vor dem Tsunami stattgefunden. Daher der Titel. Inzwischen steht aber wieder alles. Gott oder Allah sei Dank! Und wenigstens die Pulau Wehaner haben alle überlebt.

in memoriam banda aceh

mit dem morgenboot von penang nach medan. was heisst hier morgenboot, es gibt nur eins. um 7:00 an der anlegenstelle sein. warum wissen die götter, die indischen, chinesischen und malaysischen. vielleicht. wir wissen es nicht. das boot fährt um 10:00, im prinzip. nachdem alle drin waren mit rucksäcken, bananenstauden, kleinkindern und kleinvieh, müssen wir wieder raus zur zollkontrolle. ohne gepäck. schön. wir legen dann endlich ab. um 12:00.

eiseskälte. klimaanlage auf anschlag. vorne ein video, lautstärke auf anschlag. alien vs. predator-genre. blutige körperteile fliegen durch die luft. neben mir kotzt ein kleinkind seinen morgenreis auf den boden. nachmittag in medan angekommen und jetzt schon etwas geschlaucht, bei transfer vom hafen in die stadt ist meine brandblase am bein aufgeplatzt und nässt. zum zeitvertreib auf einem markt wunderbare früchte eingekauft und ein bisschen mit den einheimischen rumgelabert. woher, wohin, wie gefällt es dir, bist du verheiratet, hast du kinder? die standardantwort auf diese frage ist „noch nicht“ habe ich inzwischen gelernt. asiaten können sich ein leben ohne kinder nicht vorstellen. das führt dann zu langen diskussionen.

die dunkelheit legt sich wie ein samtenes, schwarzes tuch über die stadt, es duftet nach sate, curry, früchten und dschungelblüten. der nachtbus fährt um 18:00, und zwar pünktlich. der bus ist mit viel glück aus dem 19. jahrhundert. wir sitzen ganz vorne, gleich hinter dem fahrer. ich aussen, leider habe ich keine armstütze. und nach vorne ist auch alles offen. ich stelle mir vor, wie ich mit 100 sachen durch die windschutzscheibe breche, wenn es zu einer vollbremsung kommen sollte. aber ich sehe doch lieber, falls ich sterben sollte, woran.

wir verlassen die große stadt und sind sofort im wilden sumatra. und der vollmond geht auf. so strahlend hell weil ringsrum alles unbeleuchtet ist, dass man tatsächlich die landschaft sehen kann, in schwarzweissgrau, nicht wie tagsüber in allen nur erdenklichen grüntönen, aber es ist traumhaft. trans-sumatra-highway. eine strasse die bei uns vielleicht von kleinkleckersdorf nach obermembach führen würde. schmal, ohne randbefestigung. beim überholen wirds ganz schön eng manchmal. ich staune den dschungel an. diese bäume, unglaubliche bäume! ich sauge diesen anblick in mich auf. wenn irgendwo zwischen den ästen ein orang utan hervorlugen würde, wäre das nicht weiter verwunderlich.

ein anderer nachtbus, der natürlich auch nach banda aceh fährt, überholt uns. das kann sich unser fahrer natürlich nicht bieten lassen. die fahren ein rennen aus. donnerwetter. ich ohne armlehne, ohne gurt. den fahrern und fahrgästen macht das spass, sie feuern sich gegenseitig an. mir macht es auch spass. ich fliege, jack!

langsam fallen mir die augen zu und ich wiederholt fast von meinem sitz. sekundenschlaf übefällt mich immer wieder. 12 stunden fahrt durch den wilden norden sumatras, unter dem vollmond indonesiens, der welt entrückt. und dann in diesem traum immer wieder die andere realität. wir passieren so alle 100 km einen posten, der fahrer muss austeigen und wohl bakschisch bezahlen, während männer mit der kalaschnikow im arm den bus durchsuchen. abwechselnd suchen die aufständischen nach soldaten und die indonesischen soldaten nach aufständischen. von uns wollen die nichts, nur selten den reisepass sehen.

dann gehts weiter durch den urwald unter dem vollen mond. es ist wild, es ist schön, es ist völlig abgehoben.

gegen 6:00 morgens ein unbeschreiblicher anblick: rechts eine kette hoher vulkane im morgendunst, leichte bläuliche, dann grünliche, gelbliche, endlich rosige schlieren am himmel darüber. links ein völlig ebenes reisfeld, im hintergrund palmen in der morgenbrise. palmwedel leicht wie finger durch den himmel streichend. zwischen den palmen versinkt der mond.
ich halte den atem an. nie etwas schöneres gesehen.
so kamen wir nach banda aceh.

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Nicht schön, aber passend

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundetete Zeit wird sichtbar am Horizont.
Bald musst du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundetete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.

Ingeborg Bachmann

Wenns geht, mich heute abend bitte nicht anrufen, ich kann heute irgendwie nicht drüber reden, manchmal wirds einfach zu viel. Heute hat er mich voll erwischt, der „Moralische“.

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